Nora Meier, Präsidentin
Die aktuellen globalen Herausforderungen und Krisen sollten als Anstoss genutzt werden, die UNO zu stärken und zu verbessern – nicht aber, um ihre Existenz infrage zu stellen. Denn letztlich liegt ein funktionierendes multilaterales System im Interesse der Mehrheit der Staaten. Die UNO kann nur sein, was wir aus ihr machen. Was es jetzt braucht, sind Mut und Bereitschaft, entschlossen zu handeln.
Am 24. Oktober 2025 feierte die UNO ihr 80-jähriges Jubiläum. Dank ihrer Arbeit konnten über die Jahrzehnte weltweit Konflikte entschärft, Millionen Menschen mit humanitärer Hilfe unterstützt und Fortschritte in global wichtigen Bereichen erzielt werden. Dass sich die Welt aber seit ihrer Gründung 1945 merklich verändert hat, lässt sich nicht bestreiten. Auch nicht, dass sich die UNO den neuen Gegebenheiten nicht genügend angepasst hat und damit vor erheblichen Herausforderungen steht.
So befindet sich das multilaterale System, das die UNO eigentlich verkörpert, unter Druck. Einerseits gibt es Staaten, die dem System aktiv entgegenwirken, weil sie ihre Interessen bilateral besser wahrnehmen können. Andererseits mehren sich jene Stimmen, die zwar an die Idee des Multilateralismus und eines regelbasierten Systems glauben, dieses aber als realitätsfremd und wenig wirksam abtun. Während sich erstere von der UNO-Charta abwenden, schwindet bei zweiteren Vertrauen und Hoffnung. Darum braucht es eine aktive dritte Gruppe von Staaten.
Eine, die sich tatkräftig dafür einsetzt, die UNO zu befähigen, ihren 1945 definierten Zweck erfüllen zu können. Denn, dass sie dies können soll, ist insbesondere im Interesse jener Staaten, die sich nicht bilateral mittels Macht durchsetzen können. Und dies gilt für eine Mehrheit der (demokratischen) Staaten, wie aktuell gut illustrierbar am Beispiel der US-Zollpolitik.
Ihrem Zweck wird die UNO heute nicht mehr umfassend gerecht. Gerade die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten oder im Sudan zeigen, wie dringend insbesondere eine Reform des UNO-Sicherheitsrats ist, des zentralen Organs der Organisation. Wichtige Entscheide in diesem Gremium werden blockiert, allen voran durch Russland und – wenn es um den Nahen Osten geht – oftmals auch durch die USA. Mit der Konsequenz, dass die UNO bei den Konfliktlösungen der genannten Kriege als Vermittlerin keine Rolle spielen kann.
Um den Sicherheitsrat handlungsfähiger zu machen, müsste zum einen seine Zusammensetzung so geändert werden, dass er ein besseres Abbild der heutigen Welt wiedergibt. Dies würde wohl nicht nur eine Vergrösserung der Anzahl nicht-ständiger und ständiger Sitze erfordern, sondern auch eine Selektion der Mitglieder basierend auf objektiven Kriterien, wie z.B. demographische und wirtschaftliche Kennzahlen. Zum anderen müssten gleichzeitig auch Bestrebungen zur Abschwächung des Veto-Rechts der fünf bisherigen ständigen Mitglieder vorgenommen werden, um die Möglichkeiten der Blockade einzuschränken.
Ideen, wie Reformen aussehen könnten, bestehen. Die Herausforderung ist deren Umsetzung. Es braucht die erwähnte dritte Gruppe von Staaten, zu der auch die Schweiz gehört, die einsehen, dass die UNO zu wichtig ist, als dass man sich ihrer nicht annimmt. Die den Mut haben, die Stimme gegen jene zu erheben, die die Organisation zwar lauthals als «lahme Ente» kritisieren, aber zynischerweise von einer schwachen UNO profitieren. Die Reformwilligen können sich – unterstützt von der Zivilgesellschaft und der Akademie – zusammentun, mobilisieren und Reformvorschläge einbringen. Die Rolle der Schweiz? Sie kann mithelfen, Koalitionen aufzubauen – mit interessierten grossen Staaten, wie z.B. Deutschland, Indien, Brasilien oder Nigeria. Aber auch mit kleinen, wie Costa Rica, Neuseeland oder Liechtenstein.
Prozedural gesehen, kann die im März 2025 von UNO-Generalsekretär António Guterres lancierte Initiative «UN80» dazu den nötigen Rahmen bieten. Politisch gesehen, bieten die aktuellen schrecklichen Kriege tragischerweise eine Gelegenheit dazu. Packen wir sie.
Text, veröffentlicht am 31. Oktober 2025 in der Rubrik «Meinung & Debatte» der Neuen Zürcher Zeitung anlässlich des 80-jährigen Jubiläums der Charta der Vereinten Nationen. Verfügbar hier.